Das Jessup Team 2007: Erfahrungsbericht und Fotos

 

Die schriftliche Phase (von Jörg Kleis)

Die Teilnahme im FU-Team für den weltweit größten völkerrechtlichen studentischen Wettbewerb in englischer Sprache begann im Oktober 2006 mit der Ausschreibung freier Plätze durch unseren Teamcoach Dagmar Lutz. Die ehemalige Teilnehmerin des Jessup Moot Court hatte bereits in den Vorjahren Erfahrung bei der Leitung und Organisation des Teams der Humboldt-Universität gesammelt. Schnell machte sie uns deutlich, dass der Aufwand für den Moot Court weit über dem einer Seminarhausarbeit im Schwerpunktsexamen liegen würde. Im Rückblick hat sich dies voll bewahrheitet – wie auch ihr Versprechen, dass sich die Arbeit und Mühe für uns alle auszahlen würden.

Da unser Team erst Mitte November, knapp zwei Monate nach Veröffentlichung des Falles, zusammengestellt werden konnte, machten wir uns sogleich an die Arbeit: Wir begannen mit der Erfassung und Verinnerlichung des Sachverhalts, der wie jedes Jahr von der Organisatorin des Wettbewerbs ILSA (International Law Students’ Association), gestellt wurde. Vereinfacht dargestellt ging es um einen Staat, der die Aufnahme in eine Internationale Organisation beantragt, die ihm jedoch nicht gewährt wird. Hinzu kamen völkerrechtliche Probleme aus den Bereichen des Diplomaten- und Wirtschaftsvölkerrechts. Den knapp 30-seitigen Sachverhalt sollte man am Besten von vornherein so häufig wie nur möglich lesen. Wie sich nämlich herausstellte, kann jedes noch so kleine Detail von Bedeutung sein und Argumente liefern.

Unmittelbar nach der Zusammenstellung des Teams wurden wir mit unseren Aufgaben vertraut gemacht: Beim Jessup Moot Court vertritt jedes Universitätsteam in einem fiktiven Verfahren vor dem Internationalen Gerichtshof (IGH) sowohl den Applicant (Antragssteller) als auch den Respondent (Antragsgegner) und muss zunächst zwei Schriftsätze in einem Umfang von etwa 25 Seiten Text erstellen. Entsprechend teilte das Team, das in diesem Jahr aus fünf Studenten bestand, die von den Staaten vorgebrachten Begehren auf. Während die Applicants unter anderem argumentierten, dass die abgelehnte Aufnahme ihres Staates in eine Internationale Organisation gegen Völkerrecht verstieß, mussten die Respondents das Gericht davon überzeugen, dass diesbezüglich keine Verletzung von Völkerrecht vorlag.

Wir trafen uns mindestens zwei Mal pro Woche und jeder stellte seine gesammelten Ergebnisse und Recherchen vor. Gemeinsam wurden Argumente auf ihre Überzeugskraft hin überprüft, wichtige Quellen wie etwa Gerichtsurteile besprochen und Buchtipps ausgetauscht. Aufgrund der Spiegelbildlichkeit der Klagebegehren ist es immens wichtig, in ständigem Kontakt mit den anderen zu stehen und möglichst alle Informationen über neue Erkenntnisse zu teilen – selbst wenn man auf Argumente stößt, die die eigene Position schwächen. Denn was für die eigene Seite schlecht ist, ist zumeist für die andere Seite gut. Zwar vertritt jeder Student auf den ersten Blick nur eine – nämlich seine eigene – Seite, jedoch darf hier der Teamgedanke nie aus den Augen verloren werden: Das Team schneidet am Ende nur dann gut ab, wenn sowohl die Applicants als auch die Respondents in den Schriftsätzen bzw. später dann in den mündlichen Plädoyers überzeugen.

Während der schriftlichen Phase, die bis Mitte Januar dauerte, tauchten wir in Problemfelder des Völkerrechts ein, die uns zuvor nur abstrakt aus der Vorlesung bekannt gewesen waren. Spannend war insbesondere zu lernen, wie man die recherchierten Materialien (Monographien, Artikel, bekannte und manchmal auch schwer aufzutreibende unbekannte Gerichtsurteile) nutzt, um die Argumente seiner Seite zu unterfüttern. Hierin sehe ich heute einen der größten Vorzüge meiner Teilnahme am Jessup Moot Court. Der zu erstellende Schriftsatz ist kein Gutachten. Er ist ein Überzeugungswerk der Anwälte, die den jeweiligen Staat vertreten: Er wird im Urteilsstil verfasst und bietet die im Studium einmalige Gelegenheit, Argumente nicht (nur) nach ihrer objektiven Richtigkeit, sondern vor allem nach ihrer Überzeugungskraft und Brauchbarkeit abzuwägen, einzuordnen und überzeugend aufzubereiten. Es geht nicht nur um das Recherchieren von Lehrmeinungen, sondern um deren praktische Verwendung und kritische Hinterfragung. Wo kann man erst-recht-Schlüsse, wo Umkehrschlüsse ziehen? Wie kann man ein Urteil, obwohl es gegen die eigene Position spricht, dennoch für die eigene Argumentation fruchtbar machen? Wie kann man ein gerichtliches obiter dictum in ein schlagkräftiges oder jedenfalls kreatives Argument verwandeln? Der Moot Court schult in dieser Hinsicht extrem das strategische Denkvermögen und verbessert die Argumentationsfähigkeiten aller Teilnehmer sowie die im Studium so oft vernachlässigte kreative Denkweise. Darüber hinaus lernt man, Standpunkte seines Mandanten zu vertreten, auch wenn diese gar nicht oder nur schwer haltbar sind. Diese Fähigkeiten werden im Rahmen der mündlichen Vorbereitung noch vertieft und stellen Qualitäten dar, die im späteren Berufsleben von großem Vorteil ist.

Die mündliche Phase (Stephan Kirschnick)

Die mündliche Phase bereitete uns auf die rhetorischen Herausforderungen der nationalen Vorausscheidung vor, die dieses Jahr Ende Februar 2007 in Heidelberg stattfand. Dort treten Applicants und Respondents vor einer Richterbank gegen andere Teams aus Deutschland an, als Richter fungieren hierbei Professoren, Rechtsanwälte aus Großkanzleien und andere hochrangige Juristen, etwa aus Bundesministerien oder internationalen Organisationen. Wie lernt man nun, seine teils rechtlich schwer haltbaren Argumente vor drei bis dreizehn Richtern souverän, eloquent und stets höflich im Rahmen der vorgegebenen 30 Minuten auf Englisch vorzutragen und dabei noch auf bohrende Nachfragen zum Fall und zum allgemeinen Völkerrecht stets eine Antwort parat zu haben?

Schon bei den ersten Proben im kleinen Kreis wurde die beim eigentlichen Wettbewerb zu erwartende Atmosphäre realitätsnah nachgeahmt. Wir probten dreimal pro Woche in den Abendstunden, wie man mit Zeitlimits, Blackouts und unhöflichen Richtern umgeht. Ein Schwerpunkt lag auf der Verbesserung der rhetorischen Fähigkeiten, aber auch die präzise und strukturierte Beantwortung von Fragen und das Zeitmanagement wurden intensiv trainiert. Bei der Bewertung beim Wettbewerb spielen nämlich genau diese Faktoren eine Rolle: Es geht nicht darum, welche Partei juristisch gewonnen hätte, sondern wie gut die Präsentation ist. Die einzelnen Bewertungskriterien sind neben juristischer Fachkenntnis und ihrer Anwendung auf den Sachverhalt unter anderem Einfallsreichtum, die Fähigkeit auf Fragen zu antworten, sicheres Auftreten, Höflichkeit und Zeitmanagement.

Zu den Proberichtern gehörten dank der Kontakte unseres Teamcoachs Ministerialbeamte, Professoren, Rechtsanwälte und viele andere ehemalige Jessup-Teilnehmer. Highlight der Vorbereitung war neben der öffentlichen Professorenrunde mit Frau Prof. Dr. Krieger und Frau Prof. Dr. Rudolf das Probepleading in der Rechtsanwaltskanzlei Freshfields Bruckhaus Deringer samt anschließender Einladung zum Mittagessen.

Jedes der Treffen hatte seinen eigenen Charakter und führte zu weiteren Anregungen und Denkanstößen, so dass wir uns zum einen immer besser auf den Wettbewerb in Heidelberg vorbereitet gefühlt haben und zum anderen den positiven Wert auch über den Wettbewerb hinaus zu schätzen lernten. Sicheres Auftreten und die freie Rede in englischer Sprache sind nicht ohne Grund als Schlüsselqualifikationen im Jurastudium gefordert und können hier effektiv trainiert werden.

Derart vorbereitet fuhren wir Ende Februar zur nationalen Vorausscheidung nach Heidelberg. Am ersten Abend wurde die auch in diesem Jahr hochkarätige Richterbank vorgestellt, die sich aus Professoren, Anwälten und zwei ehemaligen deutschen Botschaftern zusammensetzte. Ab dem Halbfinale übernahm Professor Dr. Bruno Simma, der derzeitige deutsche Richter am Internationalen Gerichtshof in Den Haag, den Vorsitz. Auch dies zeigt, welch hohen Stellenwert der Jessup Moot Court besitzt.

An den darauf folgenden zwei Tagen fanden die Vorrunden statt. Wir hielten unsere pleadings, antworteten auf Richterfragen und versuchten gleichzeitig die Schwachstellen der gegnerischen Seite anzusprechen. Die Atmosphäre zwischen den einzelnen Teams war weniger durch große Rivalität gekennzeichnet als vielmehr durch Verbundenheit – schließlich hatten wir uns alle über einen Zeitraum von fünf Monaten hinweg sehr intensiv mit dem gleichen Fall beschäftigt. Unsere Applicants schlugen die Teams aus Frankfurt/Main und Bochum, die Respondents unterlagen knapp dem Düsseldorfer Team und mussten sich zudem dem späteren Halbfinalisten Kiel geschlagen geben. Zwei Siege reichten wie erwartet nicht zum Einzug in das Halbfinale, welches von den Teams aus Tübingen, Heidelberg, Göttingen und Kiel bestritten wurde. Nachdem sich Tübingen und Heidelberg am Samstagmorgen in ihren Halbfinals durchgesetzt hatten und sich bereits über den Einzug in die internationale Runde freuen durften, schlugen die Tübinger am Nachmittag in einem hochklassigen Finale den Gastgeber aus Heidelberg und bekamen verdientermaßen den Pokal als „National Champion“ überreicht. Die beiden Finalisten werden Ende März nach Washington, D.C. reisen und dort gegen über 90 Teams aus aller Welt antreten, die sich in den vergangenen Wochen ebenfalls in nationalen Vorausscheidungen für diese Endrunde qualifizieren konnten.

Unser Team belegte in der Endwertung einen guten 6. Platz von 14 teilnehmenden Universitäten, und Jörg Kleis erreichte zusätzlich noch den 2. Platz in der Wertung der besten Redner – so feierten wir Samstag bis spät in die Nacht mit den anderen Teams und freuten uns über unser gutes Abschneiden und die erste Auszeichnung für die FU bzw. einen ihrer Studenten seit langer Zeit.

Aufgrund der tollen Erinnerungen und erworbenen Fähigkeiten ist die Jessup-Zeit eine sinnvolle und schöne Erfahrung – bewerbt Euch im Sommer 2007 auf einen der Plätze im Jessup-Team 2008!

Teilnehmer 2007

  • Jakob B. Brugger, 5. Semester, Jura (ERASMUS)
  • Aurélie Guillemet, 5. Semester, Politikwissenschaft (ERASMUS)
  • Stephan Kirschnick, 3. Semester, Jura
  • Jörg Kleis, 5. Semester, Jura
  • Georgios Alexandros Moukas, LL.M. Student

Betreuerin:

Wiss. Mitarb. Dagmar Lutz

Die besten Redner: Marie Lakies (Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg) und Jörg Kleis (FU Berlin)