Springe direkt zu Inhalt

Hyginus, Das Feldmesserbuch. Ein Meisterwerk der spätantiken Buchkunst, herausgegeben, übersetzt und mit Kommentaren versehen von Jens-Olaf Lindermann, Eberhard Knobloch und Cosima Möller, Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt, 2018

News vom 17.07.2018

Mit dieser Neuerscheinung wird das Ergebnis eines Editionsprojekts vorgelegt, das im Rahmen des Exzellenzclusters Topoi über viele Jahre im Arbeitsbereich von Prof. Dr. Cosima Möller angesiedelt war. Im Herausgeberteam ist Fachkompetenz aus unterschiedlichen Disziplinen zusammengeführt. Der Altphilologe Dr. Lindermann, der Mathematiker und Wissenschaftshistoriker Professor Knobloch (TU Berlin/BBAW) und die Rechtshistorikerin Professorin Möller haben den lateinischen Fachtext gemeinsam bearbeitet. Dazu war eine erneute Überprüfung der handschriftlichen Überlieferung erforderlich, deren ältestes Exemplar auf das Ende des 5. Jhs. n. Chr. zurückführt und als Arcerianus in der Herzog-August-Bibliothek Wolfenbüttel aufbewahrt wird. In der Spätantike entstand die Sammlung, die als corpus agrimensorum Romanorum bezeichnet wird und unter anderem das hier herausgegebene und erstmals ins Deutsche übersetzte Feldmesserbuch über die Festlegung von Grenzlinien eines Hyginus (1. Jh. n. Chr.) enthält. Die zum großen Teil farbigen Abbildungen aus dieser Zeit und solche aus einer Handschrift, die in karolingischer Zeit, also um 800 n. Chr. entstanden ist, sind in dem Buch wiedergegeben. Es handelt sich um ein herausragendes Zeugnis lateinischer Fachliteratur der Feldmesser, die nach ihrem wichtigsten Instrument auch als Gromatiker bzw. mit einem lateinischen Ausdruck als Agrimensoren bezeichnet werden. Im Zentrum des Textes steht die Festlegung von Grenzlinien. Sie ist bereits in der frühesten römischen Geschichte erforderlich und bleibt dauerhaft wichtig. Im Laufe der Republik und des Prinzipats vor allem, um erobertes Land für Bürgerkolonien oder als Provinzialland zu erschließen. Die ordnende und friedenssichernde Wirkung von Grenzziehungen kann nur erreicht werden, wenn größte Sorgfalt auf die Methode und die Durchführung verwendet wird. Das ist das Anliegen des Autors Hyginus. Zur Realisierung ist eine Einordnung in den kosmologischen Zusammenhang erforderlich und sind mathematische Herausforderungen zu bewältigen. Die so gewonnenen Grenzlinien (limites) dienen der Erschließung von Land und der Zuweisung zu Eigentum oder zu Nutzungsrechten und schaffen zugleich eine Infrastruktur. Die Systemlinien der Vermessung werden nach dem Koordinatenkreuz von cardo (Süd-Nord-Richtung) und decumanus (Ost-West-Richtung) im Schachbrettmuster festgelegt. Die dadurch geschaffene Struktur bleibt für den Durchgang ebenso frei, wie die privaten Grundstücksgrenzen (fines). Ergänzungsbedarf für Wege kann durch Grunddienstbarkeiten (servitutes) befriedigt werden. Die Vermessung selbst unterscheidet sich bereits danach, um welche Bodenkategorie es sich handelt. Wird diese im Sinne der ratio pulcherrima, der schönsten Methode, festgelegt, so kann das Land zu quiritischem Eigentum zugewiesen werden und erhält damit den besten rechtlichen Status: volle Verfügungs- und Steuerfreiheit. Diese und zahlreiche weitere Themen werden in den Kommentaren der drei Autoren behandelt.

Weitere Informationen finden Sie auf dem Blogeintrag der WBG (https://www.wbg-wissenverbindet.de/blog/altertum/wie-eine-suessigkeit-nach-der-bitterkeit.-ueber-agrimensoren-illustratoren-und-grenzenund auf der Homepage des Exzellenzclusters Topoi (https://www.topoi.org/publication/46372/).


8 / 19