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Erfahrungsbericht 33. Vis Moot und 23. Vis East Moot

Erfahrungsbericht 33. Vis Moot und 23. Vis East Moot

 

Der Vis Moot Court gehört zu den weltweit bedeutendsten Wettbewerben im internationalen Wirtschaftsrecht. Im Rahmen eines simulierten Schiedsverfahrens befassen sich die Teilnehmenden sowohl mit Fragen des internationalen Schiedsverfahrensrechts als auch mit dem UN-Kaufrecht (CISG). Der Wettbewerb gliedert sich in zwei eigenständige Veranstaltungen, den Vis Moot in Wien und den Vis East Moot in Hongkong. In diesem Jahr nahm das Team der Freien Universität Berlin an beiden Wettbewerben teil.

 

Gegen Ende des sechsten Semesters, kurz vor den Schwerpunktprüfungen, stellte sich für uns alle die gleiche Frage: Wie soll es im nächsten Semester weitergehen? Internationales Schiedsverfahrensrecht und UN-Kaufrecht, verbunden in einem weltweit renommierten Wettbewerb, klangen für uns nach der perfekten Herausforderung. Unabhängig voneinander bewarben wir uns und fanden uns schließlich als Team für das kommende Jahr wieder.

 

Noch bevor der Sachverhalt veröffentlicht wurde, trafen wir uns in entspannter Atmosphäre, lernten uns gegenseitig sowie unseren Coach kennen und legten damit den Grundstein für die kommende Zeit. Ein erstes echtes Eintauchen in die Welt des Vis Moot ermöglichte uns die Teilnahme an der Frankfurt Drafting School. Über drei Tage hinweg trafen wir auf andere Teams, beschäftigten uns intensiv mit den Grundlagen des CISG und des Schiedsverfahrensrechts und bekamen zugleich einen Eindruck von der Dimension dieses Wettbewerbs.

 

Anfang Oktober wurde schließlich der Sachverhalt („The Problem“) veröffentlicht - und mit ihm begann die eigentliche Arbeit. Auf über 55 Seiten entfaltete sich ein komplexer Fall, zusammengesetzt aus Vertragsdokumenten, Zeitungsartikeln sowie umfangreicher Korrespondenz zwischen den Parteien und dem Schiedsgericht. Im Kern drehte sich der Fall um die Frage, ob sich eine Partei wegen regulatorischer Änderungen und politischer Entwicklungen von ihren vertraglichen Verpflichtungen lösen durfte. Zentral waren dabei sowohl die Voraussetzungen einer Haftungsbefreiung nach Art. 79 CISG als auch die Berechnung eines möglichen Schadensersatzanspruchs nach einem Ersatzverkauf.

 

Noch bevor die intensive Arbeitsphase begann, erhielten wir bei einem Kolloquium bei White & Case und einem Workshop von Morrison & Foerster wertvolle Einblicke in die Praxis. Gleichzeitig waren diese Veranstaltungen auch eine schöne Gelegenheit, als Team enger zusammenzuwachsen.

 

Mit diesem Input startete schließlich die intensive Phase bis zur Abgabe des Klägerschriftsatzes (Memorandum for Claimant) am 11. Dezember. Nach einer ersten Durchdringung des Sachverhalts folgte eine umfassende Einarbeitung in die relevanten Rechtsfragen, bei der wir unterschiedliche Ansätze entwickelten, Argumentationslinien testeten und unsere Positionen immer weiter schärften. Die Bibliothek wurde dabei schnell zu unserem zweiten Zuhause.

 

In der sogenannten „Crunch Week“ (die Woche vor der Schriftsatzabgabe) gaben wir noch einmal alles. Nach Wochen der Ausarbeitung und Abstimmung unserer Argumente arbeiteten wir in dieser Phase besonders intensiv daran, den Schriftsatz sprachlich zu verfeinern, strukturell zu schärfen und inhaltlich auf den Punkt zu bringen. Zahlreiche letzte Anpassungen, Diskussionen und Feinschliffe sorgten dafür, dass am Ende jedes Detail saß. Das Ergebnis waren zwei Klägerschriftsätze, jeweils für den Wettbewerb in Wien und Hong Kong.

 

Nach der Abgabe der Klägerschriftsätze blieb jedoch kaum Zeit zum Durchatmen. Direkt im Anschluss erhielten wir aus Wien und Hong Kong je einen Klägerschriftsatz, auf den wir nun antworten sollten. Für das Anfertigen der Beklagtenschriftsätze (Memorandum for Respondent) blieb deutlich weniger Zeit. Innerhalb weniger Wochen mussten wir den Sachverhalt nun aus der gegnerischen Perspektive durchdringen, neue Argumentationslinien entwickeln und uns gleichzeitig von unseren zuvor vertretenen Positionen lösen. Diese Umstellung fiel uns nicht immer leicht, erwies sich jedoch als besonders lehrreich, da sie unseren Blick für die Schwächen und Angriffspunkte beider Seiten schärfte.

Ende Januar, kurz nach der Abgabe des Beklagtenschriftsatzes am 22. Januar begann die Vorbereitung auf die mündlichen Verhandlungen. Nach etlichen Stunden Arbeit an den Schriftsätzen konnten wir endlich auch mündlich unsere Argumente vortragen, im direkten Austausch mit anderen Teams sowie erfahrenen Schiedsrichtern.

Den Start markierte der Clyde & Co Pre Moot in Düsseldorf am 30. Januar, wo wir das erste Mal auf andere Teams trafen. Es folgten zahlreiche Pleadings bei renommierten Kanzleien wie K&L Gates, Manner Masser, Lindenpartners, Raue, Quinn Emanuel, Wilmer Hale, Gleiss Lutz, Bodenheimer, Noerr und CMS. Besonders stolz sind wir darauf, das Finale beim Gleiss Lutz Pre Moot erreicht zu haben. Mindestens genauso spannend und lehrreich wie die Kanzleipleadings waren die unzähligen Online Pleadings gegen Teams aus aller Welt, mit denen unter anderem auch gute Freundschaften begonnen haben. Aus jedem einzelnen Pleading konnten wir etwas lernen und unser Pleading sowohl inhaltlich als auch sprachlich verbessern.

Ein echtes Highlight war der 15. Tbilisi Pre Moot in Tiflis, Georgien Ende Februar bis Anfang März. Wir waren besonders beeindruckt vom hohen Niveau der Pleadings, der guten Organisation und der Stadt selbst. Natürlich haben wir auch traditionelle georgische Gerichte wie Khinkali, Ojakhuri und Khachapuri getestet und lieben gelernt und uns die Sehenswürdigkeiten der Stadt angesehen.

Parallel dazu rückte ein weiteres Highlight immer näher: unsere Reise zum Vis East Moot nach Hongkong. Für viele von uns war es die erste Reise nach Asien - entsprechend groß war die Vorfreude, aber auch die Spannung auf das, was uns erwarten würde. Nach einem langen Flug und Layover in Istanbul erreichten wir schließlich Hongkong, eine Stadt, die uns sofort mit ihrer beeindruckenden Skyline, ihrer Dynamik und der einzigartigen Mischung aus Tradition und Moderne beeindruckte.

Noch vor Beginn der General Rounds nutzten wir die Gelegenheit, uns an die neue Umgebung und die Zeitverschiebung zu gewöhnen. Gleichzeitig arbeiteten wir weiter intensiv an unseren Pleadings, auch durch Practice Rounds mit anderen Teams, die bereits in Hong Kong angekommen waren.

Mit dem offiziellen Beginn des Vis East Moot wurde es dann ernst. In den Verhandlungsräumen trafen wir auf Teams aus aller Welt. Jede Runde brachte neue Perspektiven, anspruchsvolle Fragen der Schiedsrichter:innen und die Notwendigkeit, flexibel auf unerwartete Argumente zu reagieren. Besonders beeindruckend war dabei die internationale Vielfalt: unterschiedliche juristische Denkweisen, kulturelle Hintergründe und Argumentationsstile machten jede Verhandlung zu einer einzigartigen Erfahrung.

Neben den Pleadings bot Hongkong auch zahlreiche Gelegenheiten zum Austausch mit anderen Teams. Ob bei gemeinsamen Abendessen, Treffen bei 7 Eleven und in der Moot Bar oder bei Kanzlei-Events – wir lernten schnell neue Teams aus aller Welt kennen und fanden mit anderen Teams wieder zusammen, die wir bereits bei Pre-Moots oder Kanzlei Pleadings kennengelernt hatten.

Gleichzeitig blieb stets etwas Zeit, um Hongkong entdecken - sei es durch eine Tram-Fahrt durch die Stadt, das Genießen von traditionell chinesischem Essen oder einem Ausflug auf den Victoria Peak.

Trotz des intensiven Programms blieb auch Zeit, die Stadt ein wenig zu entdecken. Besonders in Erinnerung bleiben uns der Blick vom Victoria Peak, Fahrten mit den Hong Kong Tramways und die gemeinsame Wanderung auf den Dragon’s Back.

Rückblickend war die Reise zum Vis East Moot in Hongkong für uns eine außergewöhnliche Erfahrung, die mit einer Auszeichnung unseres Klägerschriftsatzes ihren Abschluss fand. Mit vielen neuen Eindrücken und wertvollen Erfahrungen im Gepäck ging es für uns am 23.03. von Hong Kong direkt weiter nach Wien.

Dort sind wir nach einem langen Flug 24.03. in unser Hotel eingecheckt, welches sich glücklicherweise fußläufig zur sogenannten Moot Bar befindet. Hier haben wir uns fast jeden Abend mit Teams aus der ganzen Welt getroffen, uns gut unterhalten und ausgelassen gefeiert. Zu Beginn in Wien erwartete uns die Welcome Party in den Sofiensälen, organisiert von der MAA, und die Opening Ceremony im beeindruckenden Wiener Konzerthaus. Bei dieser wurden wir unter anderem von der CISG-Legende Prof. em. Dr. Ingeborg Schwenzer mit einem fantastischen CISG-Song bespielt. Abgesehen davon waren die ersten Tage in Wien jedoch vor allem von einer intensiven Vorbereitung auf die mündlichen Verhandlungen geprägt.

Wie auch in Hongkong trafen wir in den Verhandlungen in Wien auf Teams aus den verschiedensten Ländern, darunter Japan, Indien, Brasilien und Taiwan. Unsere Schiedsrichter waren überwiegend renommierte Rechtsanwälte aus den unterschiedlichsten Rechtssystemen. Ihre anspruchsvollen Fragen konnte unser Team in Wien aber gut meistern und insgesamt eine gute Leistung erzielen. Wir sind stolz auf unsere Leistung und auf das, was wir gelernt haben, obwohl wir leider nicht zu den neun deutschen Teams gehörten, die in die K.O. Runden eingezogen sind.

Gleichzeitig blieb in Wien Raum für das Kennenlernen der Stadt: Bei kleinen Entdeckungstouren durch die Gassen, Besuchen am Naschmarkt und Spaziergängen durch die Parks konnten wir Wien abseits des Wettbewerbs erleben. Kulinarisch gehörten klassische Wiener Gerichte und die Kaffeehauskultur schnell zu festen Bestandteilen unseres Alltags - vom gemeinsamen Schnitzel-Essen bis hin zu Nachmittagen in Cafes und natürlich auch der ein oder anderen Sachertorte.

Besonders gefreut haben wir uns über eine Einladung zum Frühstück von Noerr im Rathauskeller, zum Lunch von Bodenheimer im Cafe Landtmann und zur Reception von CMS im Justizpalast - mit Rooftop(bar), guten Gesprächen, Getränken und gutem Essen. Den Abschluss unseres Aufenthalts in Wien bildete die feierliche Closing Ceremony, die mit einem gemeinsamen Essen und guten Gesprächen das Ende einer unglaublichen Erfahrung sein sollte.

Rückblickend war der Vis Moot für uns weit mehr als ein akademischer Wettbewerb. Er bedeutete kontinuierliches Lernen unter hoher Intensität, das gemeinsame Bewältigen von Herausforderungen und das Wachstum als Team. Über die fachliche Entwicklung hinaus haben wir gelernt, uns aufeinander zu verlassen, unter Druck zu arbeiten und gemeinsam Lösungen zu finden.

Am Ende bleibt vor allem das Gefühl, Teil einer einzigartigen Erfahrung gewesen zu sein. Diese Erinnerungen, die Begegnungen und das im Team Erarbeitete werden uns sicher noch lange begleiten. Wir danken allen, die uns auf diesem Weg unterstützt haben. Besonderen Dank gilt der Vis Moot Alumni Society der Freien Universität Berlin für Ihre inhaltliche Unterstützung und die Ermöglichung des Tiflis Pre-Moots sowie unseren Sponsoren, ohne die unsere Teilnahme an diesem tollen Projekt nicht möglich gewesen wäre.

-          Erfahrungsbericht von Lili Dieckhoff, Philipp Dreznjak, Miriam Wunderlich und Henrik Schlößer