Rückblick: Vortrag von Dr. Kay Lindemann, Leiter Konzernpolitik der Lufthansa Group
Vortrag von Dr. Lindemann, 8. Juli 2026.
Dr. Lindemann im Gespräch mit Prof. Dr. Calliess, 8. Juli 2026.
News vom 15.07.2026
Rückblick: Vortrag von Dr. Kay Lindemann, Leiter Konzernpolitik der Lufthansa Group
Am Mittwoch, den 8. Juli 2026, fand am Fachbereich Rechtswissenschaft der Freien Universität Berlin eine weitere Veranstaltung der Vortragsreihe „Die FU und ihre Nachbarn – Im Spiegel des Rechts“ statt. Zu Gast war Dr. Kay Lindemann, Leiter Konzernpolitik der Lufthansa Group. Unter dem Titel „Fliegen, Freiheit, Klimaschutz“ hielt er einen spannenden Vortrag zur Zukunft des Luftverkehrs im Spannungsfeld von Freiheit, Mobilität und Nachhaltigkeit.
Zu Beginn des Abends stellte Christian Calliess, Professor für Öffentliches Recht, insbesondere Umweltrecht und Europarecht, am Fachbereich Rechtswissenschaft, den Referenten vor und hob zugleich die besondere historische Verbindung der Lufthansa mit Berlin hervor. Auch wenn die Lufthansa heute vor allem mit Frankfurt am Main verbunden werde, sei sie vor genau 100 Jahren in Berlin gegründet worden. Die ersten Flüge seien im April 1926 vom Flughafen Berlin-Tempelhof nach Köln und Zürich gestartet.
Zu Beginn seines Vortrags sprach Dr. Lindemann über die Bedeutung des Fliegens in einer globalisierten Welt. Fliegen sei „Globalisierung pur“ und ermögliche Handel, Tourismus und soziale Teilhabe. Gerade in Zeiten internationaler Spannungen sei es wichtig, den Austausch zwischen Menschen und Staaten aufrechtzuerhalten.
Anschließend erläuterte der Referent das Portfolio der Lufthansa Group sowie deren Stellung auf dem internationalen Luftverkehrsmarkt. Er ging insbesondere auf das Multi-Hub-System der Lufthansa ein und erklärte, dass ein Langstreckenflug aus Deutschland in der Regel zwischen 30 und 50 Zubringerflüge benötige, um wirtschaftlich ausgelastet zu sein.
Im weiteren Verlauf widmete sich Dr. Lindemann den Auswirkungen des Luftverkehrs auf das Klima. Der Luftverkehr verursache etwa drei Prozent der weltweiten CO₂-Emissionen. Angesichts der prognostizierten Wachstumsraten des globalen Luftverkehrs stelle sich daher die zwingende Frage, wie sich weiteres Wachstum mit den Anforderungen an Nachhaltigkeit vereinbaren lasse.
In diesem Zusammenhang stellte er die wichtigsten klimapolitischen Instrumente vor, denen europäische Fluggesellschaften unterliegen: das internationale System CORSIA, den Europäischen Emissionshandel sowie die europäischen Quoten für nachhaltige Flugkraftstoffe (Sustainable Aviation Fuels, SAF). Besonders hob er die SAF-Quoten hervor, da diese es den Airlines ermöglichten, ihre Bestandsflotte weiter zu nutzen und zugleich schrittweise klimafreundlichere Kraftstoffe einzusetzen.
Als zentrales Problem bezeichnete Dr. Lindemann das sogenannte Carbon Leakage. Zur Veranschaulichung schilderte er das Beispiel einer Flugreise von Madrid nach Shanghai. Erfolgt der Umstieg in Frankfurt am Main, greifen sämtliche europäischen Klimaschutzinstrumente, was nach seinen Angaben Mehrkosten von rund 220 Euro verursache. Bei einem Umstieg in Istanbul und damit außerhalb der Europäischen Union würden hingegen lediglich die SAF-Quoten Anwendung finden, sodass die Mehrkosten nur bei etwa 40 Euro lägen. Carbon Leakage sei daher „das Steuerschlupfloch der Nachhaltigkeitsagenda“. Er plädierte für weltweit wirkende Klimaschutzinstrumente und äußerte sich kritisch gegenüber europäischen oder deutschen Alleingängen, da diese den Luftverkehr außerhalb der EU stärken könnten, ohne den globalen Klimaschutz entscheidend voranzubringen.
Im anschließenden Gespräch mit Prof. Dr. Christian Calliess wurde zunächst der Klimabeschluss des Bundesverfassungsgerichts thematisiert. Professor Calliess hob hervor, dass darin auch ein internationales Kooperationsgebot angelegt sei. Dr. Lindemann äußerte jedoch Vorbehalte gegenüber dem Beschluss, insbesondere weil dieser auf dem Vertrauen beruhe, dass sich auch andere Staaten an die globalen Klimaziele hielten.
Auf die Frage nach geeigneten Instrumenten des Klimaschutzes erklärte Dr. Lindemann, man suche bislang nicht konsequent genug nach wirksamen Lösungen. Positiv bewertete er den Ansatz einer Steuer, da eine solche Carbon Leakage verhindern könne. Eine Steuer könne daher möglicherweise auch bei Flugkraftstoffen sinnvoll sein. Gegenüber einem CO₂-Grenzausgleichsmechanismus (CBAM) zeigte er sich grundsätzlich offen, betonte jedoch, dass es sich dabei letztlich um eine Form von Zoll handele.
Aus dem Publikum wurde nach seiner Präferenz zwischen dem Europäischen Emissionshandel und CORSIA gefragt. Dr. Lindemann erläuterte, dass beim Europäischen Emissionshandel insbesondere bei Langstreckenflügen ein Carbon-Leakage-Risiko bestehe, da Flüge außerhalb der EU nicht erfasst seien. Hinsichtlich CORSIA räumte er ein, dass das Ambitionsniveau von CORSIA derzeit gering sei.
Auf die Frage nach einem möglichen Verbot von Privatflugzeugen antwortete der Referent, dass dieser Bereich im Vergleich zum kommerziellen Luftverkehr nur einen geringen Anteil ausmache. Entscheidend sei es, sich auf die wesentlichen Emissionsquellen und die richtigen Prioritäten zu konzentrieren.
Der Abend klang bei einem Empfang auf Einladung des Fachbereichs Rechtswissenschaft aus, der Gelegenheit zu weiterem Austausch bot. Der Fachbereich bedankt sich herzlich bei Dr. Kay Lindemann für seinen Besuch und den aufschlussreichen Vortrag sowie bei allen Gästen für die engagierte Diskussion.
Weitere Informationen zu der Vortragsreihe „Die FU und ihre Nachbarn – Im Spiegel des Rechts“ finden Sie hier auf unserer Website. Dort informieren wir auch rechtzeitig über die kommenden Termine.
Bericht: Joshua Heper


